Überraschende Dunkelheit
Die Zeit nach der Facharztprüfung, die ich vor einem Monat bestanden habe, war überraschend dunkel. So schlecht hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.
Das erschien mir zunächst absurd: Ich hatte die finale Prüfung bestanden, dem Endgegner der ärztlichen Ausbildung getrotzt, auf der großen Leiter wieder ein paar Sprossen erklommen — und trotzdem umgab mich statt Triumph plötzlich eine tiefe Dunkelheit.
Rückblickend erscheint mir das weniger rätselhaft. Manchmal muss man den Berg wechseln, um weiter nach oben zu kommen, und dieser Übergang führt erst einmal durch ein Tal.
Außerdem war es nicht einfach nur Dunkelheit. Es waren auch Atemlosigkeit, Unsicherheit und das Gefühl, die Orientierung zu verlieren. Mit etwas Abstand verstehe ich besser, dass nicht nur die Belastung der Prüfung selbst dahinterstand, sondern auch die neue Haltlosigkeit, die mit mehr Verantwortung plötzlich spürbar wurde.
Manche Sprünge auf der Landkarte sind so groß, dass man erst lernen muss, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden.
Täler > Gipfel
Innere Täler sind zwar unangenehm, aber oft trotzdem den inneren Gipfeln vorzuziehen. Denn anders als die uralten, felsigen Gebirge der materiellen Welt ist unsere innere Landschaft in ständiger Bewegung.
Der Alltag ist voller Momente, in denen sich unsere Stimmung plötzlich verändert, um unsere Interpretation der Welt abzubilden.
Manchmal merkt man, dass der Boden unter einem nachgibt: Der Gipfel schmilzt, und alle denkbaren Wege nach vorn führen zunächst hinab. Fels wird zu Sand. Was eben noch Halt gab, zerrinnt zwischen den Fingern.
Doch ein Besuch der Unterwelt ist oft nicht nur unvermeidbar, sondern sogar wünschenswert. Nur dort können Schätze von Drachen und Dämonen gewonnen werden. Und selbst auf den Gipfeln verfügen wir am Ende nur über das, was wir aus den Tiefen mitgebracht haben.
Innen = Außen
Oft lässt sich schon im Voraus spüren, wenn der Fels unter einem porös wird. Die Voraussetzung dafür ist allerdings Ehrlichkeit mit sich selbst.
Innere Ehrlichkeit steht in enger Wechselwirkung mit äußerlicher Ehrlichkeit. Tatsächlich gibt es, wenn ich ehrlich bin, gar keinen Unterschied zwischen diesen beiden Ehrlichkeiten.
Meine Welt besteht bei genauer Betrachtung nur aus einer einzigen Substanz: Bewusstsein.
Innen und außen sind darin nicht getrennt. Beides sind energetische Muster, tief in unserer Natur verankert und für unser Überleben essenziell — aber sie sind nicht die Substanz selbst.
Innen, Außen, Ich, Wir, Die: All das sind Wellen desselben Ozeans.
In diesem Ozean ist Aufmerksamkeit die größte Kraft, über die ich unmittelbar verfüge. Verantwortung zu übernehmen heißt, diese Macht nicht blind ihren Automatismen zu überlassen.
Darum versuche ich, nicht zu flüchten, wenn ich mich atemlos im Dunkel eines Tals wiederfinde, sondern meine Aufmerksamkeit wie eine Taschenlampe zu benutzen, um die neue Umgebung kennenzulernen. Mit genug Mut zeichnet sich früher oder später ein Weg nach oben ab. So war es bisher immer.
✒️ Quote of the Week: “Inside us there is something that has no name, that something is what we are.” -José Saramago
Der Versuch, sich dem Zentrum unserer Existenz mit Sprache und Konzepten zu nähern, ist zum Scheitern verurteilt, denn er bricht bereits Stücke aus dem ursprünglichen Raum des Seins. Nur in Stille und Leere lässt sich Ganzheit finden.
🍿 Video of the week: THE PATCHWRIGHT | Cyberpunk Short Film
Ist das die Zukunft der Filmindustrie? Ich finde es auf jeden Fall inspirierend.
🎧 Song of the Week: Skeler – Pale Light
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